Ein Nachmittag im Nacktbereich


„Ich will nicht wie ein gestrandeter Orka durchs Wasser geschleppt werden“, zische ich P. zu. Um meine Gehässigkeit zu verstehen, muss man mich verstehen und dafür muss ich ausholen.

Es war ein gewöhnliches Wochenende, an dem uns übermütig in den Sinn kam, wie großartig wellnessen doch wieder mal wäre. Beflügelt von dieser tollen Erkenntnis, machten wir gleich alles fix. Abfahrt, Sonntag 9 Uhr. Bad Schallerbach. Gut, wir waren von Anfang an einfältig, indem wir das Nebel-Niesel-Wetter, den Teil-Ferienbeginn und den wöchentlichen Feiertag ignorierten. Spätestens als wir am Parkplatz der Therme ankamen und die ersten Familien mit Schwimmnudeln Richtung Eingang pilgern sahen, machte sich aber Realitätsunbehagen bei mir breit.

„Hüft nix, jetzt sama scho do“, spricht P. ein Machtwort und schleift mich zielstrebig zur wasserwütigen Horde. Drinnen kriegen wir Bänder und eine kurze Instruktion, wo man uns die gebuchten Massagen verabreichen wird. Fast abgeschottet vom Badevolk geht´s zum Spa – nur ein enormer, aber noch dumpfer Lärmpegel lässt das Ausmaß der Überfrequentiertheit hier erahnen. Die Massage: entspannend. Wobei sich mir immer mehr die Frage aufdrängt, was uns gleich erwarten wird, wenn wir im Thermenbereich ankommen...


Eine Stunde später wird meine Neugierde befriedigt.


Gefühlte zwei Millionen Menschen – davon mindestens die Hälfte Kinder – versuchen, so viel Wasserspaß wie nur möglich in einen Tag zu pressen. Ich starre. Sehe nur noch Keime. P. schiebt mich in das Möchtegern-Tropenparadies. Auf der Suche nach zwei Liegen, falle ich über ein grünes Schwimmtier und ein Kind mit Windel. Und über einen Asiaten, der am nassen Fliesenboden bruncht. „Ich will nicht mit diesen ganzen Leuten in ein Becken“, flehe ich P. an. Er lächelt verständnisvoll, hält dann aber einen Monolog über die Chance, die ich diesem Tag geben soll. Gut. Wir legen unsere Sachen auf die einzig letzte freie Liege, ich ziehe den Bauch ein und tappe zum Massenbecken. Dort hockelt ein kleines Mädchen. „Leonie, magst du mit der Mama jetzt endlich aufs die Toilette gehen?“, keppelt eine schönsprechende Erwachsene sichtlich genervt mit ihrem Nachwuchs. „Ich muss jetzt nimmer“, freut sich Leonie und zeigt aufs Wasser. Ich kehre um. Will in die kinderfreie Saunalandschaft. P. folgt mir leicht genervt aber kommentarlos. Im Bereich „Auszeit“ angekommen, werde ich prompt mit den Albträumen meiner Schulzeit konfrontiert: Alle nackt. ICH nackt.

Ich fühle mich unwohl, wäge aber ab und zurück zu Leonie ist keine Option. Wir treffen männliche Geschlechtsteile. Manchmal schau ich kurz hin und dann beschämt wieder weg. Immer wieder wundere ich mich und will wissen: „War das jetzt ein Mann oder eine Frau?“ P. straft mich mit verächtlichen Blicken. Ok, ich MUSS mich jetzt entspannen. Immerhin sind wir deshalb hergekommen.

In Sauna 1 sterbe ich vor Scham, weil mir eine sehr selbstbewusste Frau breitbeinig gegenüber sitzt und Blickkontakt mit mir halten will. Im Dampfbad habe ich Angst vor Bakterien und Sporen. In der Infrarotkabine bin ich das erste Mal halbwegs relaxt, bis ich Kussgeräusche - ach was - Schmatzereiendes Nachbarpärchens mitanhören muss. P., immer neben mir, erwidert meine Blicke gar nicht mehr, sondern straft mich mittlerweile mit eisiger Ignoranz. Er will ins Außenbecken. Dort sind – wie befürchtet – nur nackte Paare. Ich überwinde mein Viren-Kopfkino und sprinte in die Riesenbadewanne. Eins der Duos kuschelt verdächtig leise in einer Ecke. Ich habe Angst schwanger zu werden, sag es aber nicht laut, weil P. mich sonst vermutlich in dieser Genitallache ertränkt. Ich will so nicht sterben.

Noch bevor ich den Tod neben fremden Penissen gedanklich weiter ausbauen kann, wird langsam eine Dame von ihrem Mann an uns vorbeigehievt. Überhaupt schleppen sich alle gemeinsam durchs Wasser. Herrgott, das Becken ist 1,40 tief. Die werden schon nicht ersaufen, wenn sie selbst schwimmen. Denke ich und schweige. P. setzt dazu an, mich leicht hochzuheben. Ich ramme ihm mit Blicken ein Messer in die Brust. „Ich will nicht wie ein gestrandeter Orka durchs Wasser geschleppt werden“, zische ich ihm zu. Er vergrößert den Abstand zu mir und ich fühle mich unter den ganzen lüsternen Nudisten alleine. Bevor mich noch etwas streift, verlassen wir den Pool. Und den Bereich. Und irgendwann auch das ganze Gebäude. Am Weg zum Auto schimpft P. irgendwas von wegen verklemmt und unentspannt. Am Beifahrersitz angekommen, schaue ich ihn an und merke, dass er mich trotzdem irgendwie versteht. Ich gebe ihm einen Kuss. Allein und warm angezogen. Wie es mir nach diesem Nachmittag am liebsten ist ...

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