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Mein Tag

Zugfahren ist lustig. Und Ausflüge mit Freundinnen auch. Die Kombi müsste also komplett durch die Decke gehen. Tut sie aber nicht. Also nicht in meinem Fall.


Wir müssen alle sehr früh aufstehen, weil wir Sparfüchse sind und nur so spottbillig nach Tschechien kommen. Um 4 Uhr (also quasi mitten in der Nacht) fällt mir im Bad mein weißer Haarschübö auf. Und zwar noch viel ärger als sonst. Wer sich an dem Wort stört – es handelt sich hierbei um eine hochspaßige Partie von kurzen, strohigen, friedhofsblonden Haarborsten, die ungleichmäßig und störrisch über meiner linken Stirnhälfte in die Höhe steht. Weiß leuchtend! Mein Gesicht kann ich um diese Zeit auch mit viel Aufwand eh nicht rekonstruieren – aber die weißen Haare kann ich abdunkeln. Mit (Achtung: Superidee!): Mascara. Tu ich also, packe alles zusammen, gerate unter Zeitdruck und renn raus zum Auto. Es nieselt. Hinterm Lenkrad verschwimmt meine Sicht und mein rechtes Auge brennt plötzlich wie Sau. Im Autospiegel sehe ich ein schwarzes Rinnsal, das direkt vom Problemhaarbereich in mein rechtes Auge läuft. Ich rubble mir meine Wimperntusch-Haarfarbe energisch von der Stirn. Lässiger Start.

Dann sitzen wir zu sechst in einem Zugabteil nach Prag. Nach dem klassischen Verstauen von Koffern, Besprechen wem in welche Fahrtrichtung schlecht wird und ein paar seichter Scherzerl unter sturmalten Freundinnnen, lasse ich mich in den Sitz fallen und esse mein Frühstücks-Weckerl. Mit der Mayo drinnen patz ich mir sofort die Jeans an.

Von sechs Müttern hat keine einzige Feuchttücher dabei. Dafür aber Alkohol. Na gut. Ich übernehme die feierliche Eröffnung unseres Ausfluges und schieb dabei den Kork der Flasche vorsichtig immer weiter ausm Flaschenhals. Das geht gut, bis der Druck die letzten Millimeter zu hoch wird und das Korkdrum lebensgefährlich rausschießt. Direkt über den Kopf meiner Freundin vis-a-vis. Die Rosé-Brause drinnen fährt in Form einer Schaum-Fontäne aus. Es ist, als hätte ich den Grand Prix in Bahrain gewonnen...

Natürlich bin ich komplett nass. Der Boden auch – und das Ärgste: die Flasche ist nur noch halb voll.

Hausfrauenlike legen wir alles mit gratis Zug-Kronen Zeitung aus und hoffen auf den Küchenrollen-Effekt. Nach dem obligatorischen Anstoßen, brauche ich ein bissl Kaffee - und schütt ihn mir noch beim ersten Schluck aufs orange Leiberl.

Meine Freundinnen versichern mir, dass ihr Lachen kein Auslachen ist, ich glaube ihnen kein Wort und will mir einfach nur noch die Hände waschen gehen. Vom Geruch her Note „Bahnhofsresti N°5“ bahne ich mir meinen Weg ins ruckelnde Zug-Klo. Mein Blick fällt sofort auf den Desinfektionsmittel-Spender. Gott sei Dank! Ich drücke mir drei erdbeergroße Patzen von dem durchsichtigen Mittel in die Hand und checke noch während sich das glitschige Zeug in meiner Handfläche verteilt, dass ich fälschlicherweise das Desinfektionsmittel für die Klobrille (!) erwischt habe. Ach haje und auch ein bissl grauslig - aber kein Problem. Kann ich ja abwaschen. Denke ich, will den Wasserhahn aufdrehen und lese am Spiegel vor mir, dass dieser defekt ist. Kein Wasser – und ich mit einem Handschüsserl randvoll mit Kloputzbatz zurück ins 6er-Abteil. Meine Freundin - glücklicherweise Krankenschwester - schüttet mir Wasser aus ihrer Trinkflasche über die mittlerweile schon ungut juckenden Hände. Am Boden vermengen sich Alkohol und Desinfektions-Gatsch mit Druckerschwärze und Phantasie-Journalismus.

Ab jetzt wird’s besser! Irre ich und werde von meiner Freundin darauf hingewiesen, dass der Träger meines Rucksackes ausgerissen ist. Ich muss jetzt ein Stück Kuchen essen – worauf mir wegen dem nervigen Schienen-Ruckeln schlecht wird. Speiben muss ich nicht, aber beim Aussteigen schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass sich die Ärmel-Naht meiner Jacke auf einmal auflöst und ich sie so nicht mehr anziehen kann. Alle amüsieren sich über mich - und ich versuche es mit positiven Manifestationen und einem Monolog darüber, dass ich ja sonst sehr viel Glück habe im Leben. Dann spazieren wir aus dem Prager Bahnhof und mir scheißt ein Vogel auf die rechte Schulter und einen Teil meiner Haare. Witzig.

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