Blond wie eine Semmel sein

Ich, Hauttyp 4 und von Grund auf dunkelhaarig starre fassungslos und monoton kopfschüttelnd auf mein Spiegelbild. Meine Kopfhaut juckt. Meine Finger brennen wie Sau. In meine nackten Zehen fressen sich die Reste einer ätzend-hellblauen Creme. Was hab ich nur getan...?

Schuld ist – wie für alles gerade – der Hausbau. Durch ihn habe ich kein Leben mehr. Sprich wenig soziale Interaktion, noch weniger Nerven und wirklich maximal wenig Zeit für meine Optik. Und so bin ich mal wieder Jause kaufen. Im Umfetzgewand, mit ungezupften Augenbrauen und stacheligen Beinen. Während ich zehn Knacka bestelle und eine Sekunde Zeit zum Sinnieren habe, drängt sich mir ganz plötzlich der sehnsüchtige Wunsch nach Optimierung auf. Ich vergesse alles um mich herum und bewege mich wie in Trance Richtung Haushaltsmittel. Vorbei an Geschirrspültabs und Wattestäbchen, direkt zur Haarpflege. Dort greife ich wie von Sinnen zu blond. Platinblond um genau zu sein. Vor meinem inneren Auge sehe mich mit einem sonnengeküssten Ombré und sommerlichen Strähnchen gutgelaunt und frohlockend Wurstsalat schneiden. Ich nicke mir wohlwollend zu, nehme am Weg zur Kassa die bestellten Würstl mit und bin kurz darauf daheim im Bad.

Erster Schritt laut Anleitung: Schutzkleidung. Also am besten nur Unterwäsche. Eh logisch: Hast du fast nix an, kannst du fast nix anpatzen. Dann soll ich mir die Handschuhe oder besser gesagt die zwei riesigen Plastiksackerl überziehen. Danach die Farbe mit den Pulverl mischen. Der chemische Geruch stimuliert mein Belohnungszentrum im Gehirn und ich kann nur erahnen wie glücklich ich gleich mit neuer Haarfarbe und kompensiertem dünnen Nervenkostüm sein werde.

Vorsichtig suche ich mir eine Haarsträhne aus, mit der ich anfange. Dann trage ich einen satten Batzen der hellblauen Blondierungssoße auf. Meine Haare saugen und ich drücke noch mehr auf die Tube. Danach suche ich ein Haarclip, um sie vom unbehandelten Rest fernzuhalten, finde aber nix. Also lasse ich sie einfach hängen. So mache ich weiter. Strähne für Strähne und in den Haarspitzen besonders. Zwecks Ombré und so. Durch einen Seitenblick sehe ich, dass auf dem Kastl - in dem ich gerade noch ein Clip gesucht habe - blauer Gatsch bickt. Alles kein Problem! Ich streife die in Haarfarbe getränkten Handschuhe ab und wische die Möbel schnell mit einem Fetzn sauber. Als ich wieder zurückschlupfen will, sind die Plastikdinger hin. Ich schaue genervt Richtung Herrgott und spüre wie dabei die Wasserstoffmasse zäh auf Schultern, Bauch samt Unterwäsche und Zehen tröpfelt. Ich muss reagieren und mache mit bloßen Händen und einem Kamm weiter. Nach einer viertel Stunde bin ich fertig und bewege mich statisch auf die Terrasse. Dort lasse ich mich stolz und selig in ein Gartenmöbel sinken. Nach einem 40-minütigen Sekundenschlaf in der Sonne schieße ich hoch. Ich haste ins Bad und hänge mich kopfüber ins Waschbecken. Dabei bemerke ich unzählige helle Stellen auf meinem Körper, der Unterwäsche, dem Fußboden und einigen Badezimmermöbeln. Schönheit hat immer ihren Preis!

Ich beginne die Farbe auszuwaschen und spüre, wie langsam meine Finger zu brennen beginnen. Erst nur ein bissi, dann immer mehr und immer ärger. Ich beende das schmerzliche Wascherlebnis und frottiere meine Haare. Im nassen Zustand scheint mir das Ergebnis etwas suboptimal. Aber geföhnt schaut´s sowieso immer anders aus... Wenige Minuten später und trocken ist dann das ganze Ausmaß der Katastrophe ersichtlich. Große dunkelbraune und dottergelbe Streifen wechseln einander ab. Bis zum Kinn. Ab da bin ich weißblond. Alles juckt, meine Finger schreien Feuer. Ich versuche die Haare anders zu legen, aber nichts verbessert sich. Ich drehe mir einen Dutt und greife zum Handy, um die Geschichte zu teilen. „Um Gottes Willen Schatzi, warum tust du mir das an?!“, ist mein Frisör vom anderen Ende fassungslos. Ich versuche ihn zu beruhigen und vereinbare einen Termin. „Nur gleich zur Info Schatzi: Das wieder hinzukriegen kann Stunden dauern!“ Ich nicke wortlos. Zeit hab ich grad eh Berge...

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