Tage wie dieser...

Grundsätzlich bin ich Optimistin. Wirklich. Zeigt mir einen Himmel voll Wolken und ich finde einen Hauch von blau. Stellt mich bei Schneefall in den Stadtverkehr und ich singe, rappe und spiele so laut Luftinstrumente, bis sich keine Minute mehr wie verschwendete Lebenszeit anfühlt. Ich versuche jede Enttäuschung als Lehre zu sehen und jedes Eiskratzen in der Früh als Morgensport. Ich suche wirklich sehr sehr sehr lange, um in jedem Schlamassel das Gute zu finden. Sogar meine Blutgruppe ist positiv. Tja. Und dann gibt es Tage wie den heutigen, der mich und den kleinen Regenbogen über mir einfach mal fett in den Arsch tritt.


6:30 Ich tapse mit geschwollenem Gesicht und halbgeschlossenen Augen aus dem Schlafzimmer. Noch bevor ich mich erinnere, dass die Glühlampe im Vorhaus gestern mit einem Knall ausgebrannt ist, schlage ich mit dem großen rechten Zeh gegen einen Karton mit elends-schweren Fensterbänken. (Ja, wir leben derzeit in einer Lagerhalle) Ich stolpere verwundet und apathisch ins Klo und sehe, dass es verstopft ist. Ich wecke P.


6.42 P. ist mein Held. Wieder mal. Er entstopft die Misere. Ursachenforschung interessiert mich nicht, ich will duschen. Beim Schamponieren drehe ich versehentlich mit meiner erweiterten Kehrseite das Wasser auf kochend heiß. Meine Kopfhaut dampft gefährlich, mir wird schwindelig.


7:30 Ich humple benommen zu meinem Auto. Alles komplett vereist. Ich beginne ohne Handschuhe zu kratzen und lasse dabei zwei von zwei noch bestehenden Fingernägeln.


7:37 Ich starte das Auto und werde von einem Piepton angeschrieen, der mir signalisiert, dass meine Reichweite bei 0 km liegt. Auf dem Weg zur Tankstelle fällt mir ein, wie sehr ich tanken hasse. Und dass ich heute mein Auto tauschen muss, weil ich mir ja bei einem kleinen Auffahrunfällchen fast meine Stoßstange heruntergerissen habe.


8:05 Ich gebe mein vollgetanktes Auto ab und bekomme einen Leihwagen. Den ich erstmal tanken muss...


9:13 Nach gefühlten Tagen im Salzburger Berufsverkehr komme ich in der Arbeit an. Die ganze Belegschaft samt Chefin steht in der Küche. Ich koche - wie jeden fucking Tag im Jahr - Wasser auf und schütte es - wie jeden anderen Tag auch - in einen großen Glaskrug.


9:14 Der Krug explodiert mit einer übertriebenen Dramatik. Rumfliegende Glassplitter bombadieren meine Kollegen, eine von ihnen wird von einer Fontäne kochendem Wasser an der Hand verbrannt. Millionen Scherben überall. Und ein Feuermal.


12:13 Ich beschließe heute nicht zu viel raus zu hatschen, um mich und meine Umwelt zu schützen und lasse mir was zu essen mitbringen. Unser Mittags-Lokal hat von Plastik- auf Papiergeschirr umgestellt. Eigentlich lässig. Nur: Das To-Go-Sackerl riecht bei der Übergabe an mich verdächtig intensiv nach Kokosmilch und tröpfelt. Bei genauerem Hinschauen ist alles aufgeweicht, das Curry vermischt sich mit dem gelösten Karton und wird zu einer kulinarischen Mutprobe.


13:42 Ich lenke mich von meinem Zehen, der immer noch kribbelnden Kopfhaut und den Klümpchen in meinen Zähnen ab und konzentriere mich auf meine Arbeit. Beim Schreiben einer schlauen Liste benutze ich einen kaputten Kuli. Meine Finger sind komplett blau. Ich gehe sie mir waschen und bemerke im Spiegel, dass im Untergrund meiner Oberlippe eine Fieberblase wuchert.


13:43 Ich beuge mich mehr vor, um den Future-Herpes zu inspizieren. Dabei spüre ich, wie sich mein Ohrring löst. Es klimpert höher als Michael Jackson beim Hosengriff schreien konnte, dann fällt das Schmuckstück in den Gulli. Adéu forever.


17:38 Der Abend kann nur besser werden. Ich mache mich auf den Heimweg und biege noch kurz bei DM ab, um Fotos zu drucken. Mein USB-Stick kann nicht gelesen werden. Ich gebe nicht auf. Mindestens 20 Minuten lang. Dann – endlich - komme ich weiter und wähle hastig ein Format aus. Dabei mache ich einen minimalen Schlampigkeitsfehler und bin wenig später im Besitz 13 postergroßer Bilder für insgesamt 42,30 Euro.

19:01 Daheim erwartet mich eine maximal unaufgeräumte Wohnung. Ich zwänge mein schlechtes Gewissen in die Knie und mich in eine Malerhose. Auf der Baustelle sagen sie mir, dass ich wenig Farbe verwenden soll, wenn ich die Decke über mir streiche.


23:54 Müde stehe ich im Badezimmer, ich vermisse meinen Ohrring. Mein Spiegelbild lächelt mir schwach und mit einer Milliarde weißer Punkte im Gesicht und in den Haaren entgegen. Mit letzter Kraft will ich ein Peeling aus dem Kastl holen. Dabei bleibe ich an der neuen Parfumflasche hängen und reiße sie ins Nichts. Noch bevor ich realisieren kann, was das bedeutet, zerschellt sie ausdrucksstark auf dem Fliesenboden. Dann benebelt mich langsam der beissende Eternity-Aqua-Geruch. Ab jetzt wird aber alles besser, sage ich in die schwere Gestankwolke und schneide mich an einer Glasscherbe...

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