Nichts Unverbindliches

Strobl am Wolfgangsee. Es hat über 30 Grad und ich lauter kleine Schweißtropferl auf der Nase. Vor, unter und neben mir ist türkises Wasser. Ich bin auf einem Holzsteg, der bei jedem Schritt unter meinen nackten Füßen knackst. Mittlerweile schieb ich schon eine ziemliche Kugel, was dazu führt, dass ich nimmer elegant schreite (und ich bin sicher, das bin ich früher!) – sondern eher etwas potschert stampfe. Wie der typische, blade Ballermann-Tourist. So im Hohlkreuz und leicht nach hinten gelehnt.

Ich will mich endlich abkühlen – lege mein Badetuch ab, ziehe mir mein gelbes Sommerkleid über den Kopf und schaue an mir runter. Zwischen den beiden Bikiniteilen steht mein Bauch gemütlich in der Sonne. Ich berühre ihn kurz mit dem Zeigefinger, um sicher zu gehen, dass er wirklich zu mir gehört. Tut er.

Dann trample ich zur Nirostiege und gehe die Stufen runter ins Wasser. Als ich mich nach vorne fallen lasse, habe ich das Gefühl von tausend Stecknadelstichen auf der Haut und dass ich keine Luft bekomme. Ich haxl hektisch und gewöhne mich so an die Kälte.

Während ich die ersten Tempi mache, kommen drei Volleyballspieler auf den Steg. Definiert, noch teilweise paniert mit Sand und nicht älter als 20. „Und, erfrischend?“ schreit einer zu mir. Ich drehe mich in alle Richtungen - nur Wasser. Er meint also offensichtlich wirklich mich. „Schon ja“, antworte ich unsicher und einfallslos. Früher habe ich gern geschäkert, in meinem Kopf hat es geblitzt wie in einem Trafohäusl und ich war immer einen Tick schlagfertiger als nötig. Früher.

Der Jüngling geht in die Hocke und ist dem Wasser und mir so etwas näher. „Bist du von da?“ Eine Schlingpflanze kitzelt meine Zehen. Ich trete sie überfordert weg. „Ähm. Ja.“ Er lächelt verschmilzt. Ich will uns unbedingt eine sich in Lichtgeschwindigkeit anbahnende Peinlichkeiten ersparen, aber es scheint zu spät... „Und? Was macht eine so hübsche Frau wie du immer?“

Vor meinem inneren Auge blitzen Szenen und Bilder auf. Hochzeit. Unser selbst gebautes Haus. Mein Job. Das Schwangerschaftsbuch auf dem Nachtkastl.

„Nix besonderes“, will ich ihn jetzt besser schnell loswerden. Ich mache ein paar energische Schwimmbewegung weg, merke dann aber, dass mich der Bauch drückt und ich wohl oder übel wieder umdrehen muss.

So wie ich dem Steg näher komme, winkt mir der vermeintliche Toyboy bereits freundlich zu. Meine Zehen sind mittlerweile eingefroren und meine Finger schrumpelig. Ich muss jetzt echt hier raus!

Als ich die erste Stufe – noch im Wasser – nehme, geht der wirklich bemühte Bub nochmal All In. „Hast du vielleicht Lust auf ein Eis?“ Ich atme schwer aus. Es hilft nichts. Ich nehme die nächste Stufe und dann die nächste. Man sieht immer mehr von mir. Dick und verbindlich. Präsenter als mein Babybauch ist jetzt nur noch seine entsetzte Enttäuschung. „Ach haje, ich wusste ja nicht…“, ringt er mit sich. Ich lächle entschuldigend. „Was soll ich sagen? Jede Zeit hat ihren eigenen Zauber?“ Dann nicke ich zum Abschied, falle ins Hohlkreuz und watschle davon.

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