Sieben ziemlich unscharfe Tage

Ich leide unter Isolation, mir ist dauernd schwindelig und ich wäre heute fast gestorben. Das klingt nicht nur arg, das ist arg! Wem ich diesen fatalen Zustand zu verdanken habe? Eh klar - der Augenärztin. Bevor ich am Mittwoch gelasert werde, hat sie mich dazu verdammt 7 Tage (S.I.E.B.E.N. T.A.G.E. L.A.N.G!) Brillen zu tragen. Und wir reden hier nicht von modischen Eyecatchern, die mir diesen superintelligenten Sekretärinnenlook verpassen. Wir reden von zentimeterdicken Aschenbechern, verkehrt trapierten 8,5 Dioptrien-Lupen in einem auffälligen Gestell, die gewaltsam meine Nase niederschweren. Und ich schwöre, das ist noch untertrieben!

Bald ist Tag 7 vorbei und sitze mit Blasenpflaster, tränenden Augen und Muskelkater auf der Couch, während mein Mann das Leben mit Freunden feiert. Merkt ihr was? Gut. Mitleid ist nämlich mehr als angebracht. Und ich hab mir das echt verdient, wie ein Rückblick auf die letzte Woche beweist.


Brillen-Tag 1 Es ist Sonntag. In Goisern ist Bierzelt plus Kirtag. Heißt: Jeder, absolut jeder, der dort arbeitet, lebt, ein Gspusi, eine Familie oder wasweißich hat, lässt sich hier blicken. Natürlich geht es am „Familiensonntag“ wenig um die obligatorische Bierzelthenne. Das Motto ist beinhart: Sehen und gesehen werden. Zerreissen und zerrissen werden. Du kannst der Hund, oder eben der Baum sein. Meine Rolle war mir aufgrund der Aschenbecher schnell zugeteilt. Darum habe ich P. vor dem Ausflug dorthin auch angejammert, er solle doch auch seine Brille tragen, damit ich mich nicht alleine so schirch fühle. Männer von kranken Frauen rasieren sich doch auch immer die Haare. Zumindest war das bei Sex and the City so... P. schmettert meine Bitte ab, schwafelt was von innerer Schönheit und macht mir dann ein schlechtes Gewissen, weil ich meine Hässlichkeit mit Krebs vergleiche. Irgendwann später an diesem Tag hocke ich wie eine Trauerweide (mit Brillengestell) in der hintersten Reihe des Zeltes und konzentriere mich auf die ketchupgetränkten Pommes vor mir. Schwer ausatmend flüstere ich mir zu: Es kann nur besser werden.


Brillen-Tag 2 Nichts ist besser! Es ist Montag und ich muss wieder zur Arbeit. Beim Autofahren kann ich Abstände nicht anständig einschätzen und zucke jedes mal wegen des Brillengestelles über, unter und neben mir zusammen. Im Büro angekommen erschrickt erst meine Kollegin. Dann mein Kollege. Dann der Postler. Keiner traut sich mir die Wahrheit zu sagen und alle finden Umschreibungen wie: „Soo arg klein sind deine Augen damit jetzt auch nicht. Dein Gesicht schaut nicht schirch, nur halt sehr sehr anders aus.“ Ich verstecke mich den ganzen Tag hinter meinem Bildschirm und tippe, als hinge mein Leben davon ab. Um fünf lauere ich mit meiner Visage noch der Putzfrau auf, um dann unter lebensgefährlichen Umständen wieder heim zu kriechen.

Brillen-Tag 3 Man gewöhnt sich an alles. Auch an Hässlichkeit. In der Arbeit wird meine Optik hingenommen. Alle, die es (nicht) interessiert, kriegen meine Laser-Geschichte zu hören. „Krass wäre ja, wenn das für immer so bliebe“, starrt mich mein Kollege an. Ich bewerfe ihn mit einem nassen Tee-Sackerl und verstecke mich wieder in meinem Büro. Eh nur noch 3 Tage.


Brillen-Tag 4 Immer noch fu*king 3 Tage! Zurückhaltend klopft meine Chefin an meine Bürotüre. Ich würde seit Tagen nicht mehr Mittagessen gehen und mich hier schier verbarrikadieren. Sie schlägt mir Home Office vor. Ich nehme erleichtert an. Am Abend mache ich Yoga und spüre das erste mal, wie extrem hart diese schwere, fette Brille eigentlich auf meine Nase drückt. Ich ignoriere den Schmerz, danke P. dass er mich noch nicht verlassen hat und gehe schlafen. Morgen ist alles wieder gut.


Brillen-Tag 5 Besonders scheiße. Ich komme zwar super mit der Arbeit daheim voran, kämpfe mittlerweile aber immer ärger gegen meine Nasendruckstelle, indem ich versuche die Brille mithilfe von Gesichtsfratzen anders zu positionieren. Das macht mir wiederum Kopfweh und Falten. Und mir ist schwindelig.


Brillen-Tag 6 Nachdem ich die Frau im Spiegel die letzten Tage nicht erkannt habe, habe ich mich auch geweigert sie übermäßig zu pflegen. Kein Mensch sieht durch diese fetten Gläser, ob meine Augenbrauen gezupft sind oder ich geschminkt bin. Seit heute Nacht trage ich außerdem ein Blasenpflaster direkt auf der Nase. Es soll meine offenen Hautstellen vor diesem Monster-Kunststoff schützen. So und im Joggingoutfit gehe ich einkaufen. Dort – der Klassiker – treffe ich auf die Ex meines Mannes. Also auf eine von ihnen. Sie lächelt mich mitleidig an. Ich huste, um eine Krankheit vorzutäuschen. Kranke dürfen immerhin schirch sein. Versuche ich ihr telepathisch zu vermitteln.


Brillen-Tag 7 Heute war ich wandern. Ohne Sonnenbrille blendet mich jeder goldene Herbststrahl und ich will mich mit niemanden unterhalten. Weil ich keine Distanzen und Höhen mit der Brille abschätzen kann, lasse mich von Familienhund Buddy auf den Berg rauf- und wieder runterschleifen. Einmal stürze ich beinahe ab. Meine erste Fast-Nahtoderfahrung, die Gott sei Dank harmlos ausgeht. Ohne Brille hätte ich ja nicht mal die Bilder gesehen, die wie ein Film vor meinem inneren Auge abgelaufen wären... Was für ein mieser Abgang. Morgen sehe ich jedenfalls endlich ohne Kontaktlinsen und ohne Brille. Und meine Augenärztin fragt mich hoffentlich, wie mir die letzten sieben Tage getaugt haben...

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