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Affentheater

Wir sind auf Urlaub in Spanien und machen eine Safari. Heißt: wir fahren mit unserem Leihauto durch ein großes Areal auf dem verschiedene Tiere frei leben. Afrikafeeling für Gsparige also.

Beim Ticket-Kauf fragt man uns explizit, welche Sprache wir sprechen. Weil, was jetzt kommt, ist wirklich wichtig. „Hören Sie gut zu“, macht´s die Ticketfrau ernst. „Sie dürfen die Fenster auf keinen Fall runterfahren oder die Tiere anlocken. Haben Sie das verstanden? Lassen Sie unbedingt alle Fenster geschlossen!“ Ich nicke ehrfürchtig. P. sitzt hinterm Lenkradl, das Baby hinten. Dann geht’s im Schritttempo los.

Es hat ein bissl was von Jurassic Park. Wie ein angespanntes Hehndl schau ich mit schnellen Kopfbewegungen aus dem Autofenster. Dann die ersten Tiere. Wir fahren vorbei an Zebras und Antilopen. Wir sehen Gnus und Flamingos. Und a spanische Steinbock-Gattung. Dann kommen wir zur Affenherde. Es sind die mit den roten Popos - Paviane. Sie fressen Obst und lausen sich gegenseitig. Die Kleinen spielen. Liab.

Um ehrlich zu sein, war ich anfangs ein bisserl skeptisch, weil ich Sorge hatte, dass mir die Tiere hier leid tun. Aber nein. Mir gefällt´s. Ich lehne mich zufrieden zurück und merke… wie langsam neben mir in Zeitlupe die Fensterscheibe runterfährt. Bis ganz unten! Warme Urlaubsluft durchströmt unser Auto. Ich rieche Fell und trockenen Gatsch - und Gefahr. Ich fühle mich wie gelähmt und schau zu meinen Mann. Der grinst amüsiert. „Um Himmels Willen - tu sofort das Fenster rauf! Das darf man nicht!“ Ich klinge korrekt und bösartig. „Es gibt klare Regeln!!!“ Offensichtlich will P. den Ernst der Lage nicht annähernd verstehen. Mehr noch: er formt seine Lippen cool zu einem Spitz und macht so ein klassisches Anlock-Geräusch. „PhPhPh“. Mehr braucht´s nicht. Ein Affe hebt wach seinen Schädel. Er bäumt sich auf und ist plötzlich riesig. Er reißt seinen Mund auf - sicher tausend (oder zumindest hundert) messerscharfe Zähne! Seine Kollegen kennen sich aus und lassen die Äpfel, an denen sie gerade nanken, hart fallen. „Mach jetzt sofort dieses Fenster zu!“ schreie ich und denke (sehr) laut über Trennung nach. Dann geht’s dahin. Zig Affen mit feuerroten Popos stürmen uns. P. fährt jetzt endlich das Fenster hoch (der Gütige!!!) und Sekunden später springt die ganze Horde – inklusive Affenbabys – völlig wild geworden auf unser Auto.

Sie hupfen aufs Dach und auf die Motorhaube. Das Auto wackelt, wir sehen abwechselnd Hände, Füße und Schwänze der Tiere auf der Frontscheibe. Dann wieder einen roten Oasch. P. lacht etwas verlegen, das Baby zögert und ich bin panikweiß im Gesicht. Wir werden hier sterben! Im Seitenspiegel sehe ich, wie die Viecher jetzt sogar hinten am Auto hängen. „Bitte fahr!!!“ brülle ich P. an. Der alte Tierfreund zögert kurz, rollt dann aber langsam los.

Nach und nach lässt Affe für Affe vom Auto ab. Nur einer hängt ziemlich lange am Dach und genießt den Fahrtwind im muffigen Fell. Ich dreh durch!

Zehn Minuten später erreichen wir dann endlich den Parkplatz. Die Teilzeitbestien sind alle weg und wir steigen wortlos aus. Mein Puls ist wild – und das waren die Affen auch. Sie haben nicht nur meinen Nerven, sondern auch dem Auto massiv geschadet. Die Antenne ist weg. Mit ihren Fingern haben sie die Abdichtung aufm Dach rausgerissen. Überall sind Tapser und Fahrer. Meinem Mann – Sohn eines Versicherers – wird langsam das Ausmaß seiner irrwitzigen Aktion klar. Er lächelt zwar süffisant, ausm Augenwinkel sehe ich aber, wie er nervös „Vollkasko“ googelt.

In den kommenden Tagen wird er einige male seinen Papa anrufen, sich in verschiedenen einschlägigen Versicherungs-Foren anmelden und einen mislsichtigen Kleber bei einer Asiatin kaufen, um den Schaden selbst zu beheben. Er wird zu jeder Zeit so tun, als wäre das alles sehr spaßig gewesen. Dabei wird er schwere Schweißperlen auf der Stirn stehen haben, wenn wir das Leihauto kurz vor unserem Rückflug zurückgeben. Er wird sich ärgern – auch über mein immer wieder mal einsetzendes Kopfschütteln. Und am Ende wird er wie durch ein Wunder ohne finanziellen Schaden davonkommen. Insgeheim wissend, dass er sowas nie wieder tun darf und zukünftig einfach wieder öfter auf seine Frau hören muss.

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