Dialekt, Baby!

Ein Spielplatz irgendwo in einem Nest am Wolfgangsee. Eine einheimische Mama mit guten Manieren und schlechten Nerven ermahnt neben mir ihre Kinder: „Emma, tuts nicht in die Pfütze springen!“ und fragt: „Kiddis, möchtet ihr ein paar Cookies?“ und sagt: „Schauts, die süßen Ferkel da drüben.“

Ja, so klingt das Landleben. Schön sprechen mit den Jungen ist voll „en vouge“. Man soll ja nicht gleich beim Erstkontakt merken, dass sie der Provinz entwachsen. Oder wie mir die Schönsprechmama auf Nachfrage erklärt: „Unser Dialekt ist ja schon ein bissl einfältig. Nicht, dass die Kiddis es dann schwer haben in der Schule oder auf der Uni.“ Ich nicke. Und schüttle gedanklich den Kopf.

Nämlich ernsthaft: Warum sollen wir uns verstellen, wenn wir mit unseren Kindern reden? Warum müssen wir Pseudonyme für Mundart-Worte erfinden? Und warum soll Dialekt Intelligenz ausschließen?

Ich trau mich das jetzt einfach mal zu sagen: Ich finde, dieses ganze aufgesetzte Gefasel ist ein riesengroßer Blödsinn. Ich finde nämlich, wir sollen authentisch und so wie uns „der Schnabel gewachsen ist“ reden (dürfen) – untereinander und schon recht mit unseren Kindern. Ich finde, wir sollten uns nicht dafür schämen, dass wir statt Matschpfützen eigentlich „Drecklockan“, oder „Schweindln“ statt Ferkel oder ganz banal „Kex“ statt Cookies sagen.

Die Kinderbücher, die ich mit dem Baby lese sind fast alle hochdeutsch geschrieben. Oder vom Englischen übersetzt worden. Dort wird „guad“ zu lecker und man verehrt eine „Paw Patrol“ anstatt eine „Brotznpass“ cool zu finden. Und ja, ich übertreibe.

Aber irgendwie auch wieder nicht. Es ist doch ganz ernsthaft schade, dass man nicht hören soll, wo jemand herkommt. Dass gewisse Wörter komplett verschwinden und plötzlich alle danach streben, nachm ORF1-Vormittagsfernsehen zu klingen.

Versteht mich nicht falsch: Ich will meinem Kind auch anständig Reden lernen – aber MundART (wenn man mir einen kurzen Ausbruch aus meiner ländlichen Kleingeistigkeit erlaubt) hat doch frei übersetzt auch was mit „Art“ – also Kunst - zu tun. Und genau das ist sie. Eine Kunst, gewisse „Geheimwörter“ zu verwenden. Eine Kunst, mit besonderen Ausdrücken Besonderes auszudrücken. Und eine Kunst, das auch weiterzugeben. Quasi eine geografische Superkraft, die wir verehren, anstatt verpönen sollten.

Ich stehe noch immer neben der Schönsprechmama und seh im Augenwinkel, wie mein Bursche Sand isst. Ich plerr nicht rüber, sondern gehe zu ihm und knie mich hin. „Liawa nid… do griagst Kretzn uman Mund“, erkläre ich und geb ihm ein Sandmund-Bussi. So schmeckt und klingt für mich Liebe. Und ich pfeif aufs Schönreden.

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