Wir Frauen sind immer etwas "zu"

Als ich mit 16 in einer Bar stehe, schreit mir ein recht besoffener männlicher Gast zu, dass ich etwas zu arrogant ausschaue, so wie ich da stehe und auf meinen Spritzer warte. So „von oben herab.“ Abgesehen davon, dass es mit 1,79 recht schwierig ist, „von unten rauf“ zu sein, hat mich das damals ganz fürchterlich gekränkt. So lange, bis ich verstanden habe, dass wir Frauen ein Leben lang immer etwas „zu“ sind.


In einer großen Runde sind wir entweder zu aufgedreht oder zu unscheinbar. Wir sind – wenn wir keine Kinder wollen (und Überraschung: ja, das gibt es) zu karrieregeil oder zu sehr mit uns selbst beschäftigt. Oder wir wollen es zu wenig. Wenn wir dann eins bekommen, sind wir zu empfindlich, zu hausmütterlich und zu übervorsichtig. Oder noch schlimmer: zu schnell wieder die verplante Alte.

Irgendwann geben wir dann die Kinder zu oft ab, oder hocken zu sehr auf ihnen. Wir kochen zu schnell nebenbei oder verbringen zu viel Zeit in der Küche. Mit nur einem Kind sind wir zu egoistisch. („Das Arme braucht ja wohl ein Gschwisterl.“) Wenn wir zwei haben, wirken wir zu schnell überfordert. Zu wenig belastbar. Und bei drei sind wir schon wieder zu lax was die Verhütung angeht.

Wir sind Managerinnen unserer Familienunternehmen, Köchinnen, Freundinnen, Liebhaberinnen, Putzfrauen und Organisationstalente. Wir sind Packesel, Erfinderinnen und Lebensberaterinnen. Oft mit zu wenig Anerkennung. Wir haben richtig Eier. Auch, wenn wir das nicht sagen dürfen, weil wir dann nicht mehr so anziehend sind.


Unsere Körper sind zu groß, zu klein, zu blad oder zu androgyn. Richten wir uns hübsch zusammen, sind wir zu tussig – bleibt alles wie´s eben ist, lassen wir uns zu sehr gehen.

Wir sind zu schlampig, wenn wir kurze Röcke tragen. Und zu verklemmt, wenn wir´s nicht tun. Wir sind zu burschikos mit kurzen Haaren – aber irgendwann einfach zu alt für lange.


Überhaupt katapultiert uns Altwerden noch einmal in eine ganz schwierige „zu-Liga“. Wir sind mit dem was wir anhaben nämlich ganz schnell zu auffällig, generell zu faltig oder – ganz arg - zu hergerichtet. Wir sind zu alt für´s Feiern oder zu gestrig, weil wir´s nicht mehr tun.

Wir sind zu ängstlich oder zu naiv. Wir machen uns dauernd zu viele Sorgen. Und zu viel Hoffnung. Auch über dieses dauernde „zu“. Ich bin nicht mehr 16, sondern 33 und dieses lästig, bewertende Wort hat mich begleitet. So bin ich heute zu groß, zu laut, zu emotional, zu impulsiv und zu direkt. Und zugegeben habe ich mittlerweile meinen Frieden damit gemacht.






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