Thai another Day

Ich könnte schwören ich bin in einem Chinarestaurant. Schwere dunkelrote Teppiche, kitschige Perlen-Rahmen mit Fotos von Asiaten, eine Maneki-neko, also diese goldene Glückskatze, die etwas geisteskrank grinst und einhändig winkt. Und Zuckerl. Ein ganzes Tablett voll. „Oke, komme Massas“, werde ich aufgerufen. Ich bin in einem thailändischen Massagestudio, mitten in Salzburg. Die Frauen um mich herum gehen mir bis zum Bauchnabel und wuseln in ihren Hausschlapfen von einer durch Vorhänge abgetrennten Massagekoje zur nächsten.

Ich folge einer davon und werde etwas lieblos dazu aufgefordert, mich bis auf die Unterhose auszuziehen und hinzulegen. Am Massagebett versuche ich mich mit einem winzigen Gesichtshandtuch zuzudecken. Erfolglos. „Oje, soo lange“, vermerkt die sitzhockergroße Thailänderin meine europäischen 1,79. Dann fordert sie mich sehr bestimmt dazu auf, mein Gesicht in einen Polster zu drücken. Als ich ihrem Befehl folge, höre ich etwas, das wie eine Aufwärmübung klingt. Sekunden später spüre ich kleine flinke Füßchen auf meinem Rücken. Steht diese Frau auf mir?!? Ich versuche ruhig zu bleiben und in den Polster zu atmen. So lange, bis sie ihr gesamtes Körpergewicht (ich schätze 45 Kilo) auf mich fallen lässt. „Oje, haben Buckel“, hängt sie auf mir. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, darum nicke ich verstört. Dann drückt sie mir beide Daumen in meinen Nacken und bohrt sich zu der Stelle, die ganz schirch weh tut. Ich versuche locker zu bleiben, muss aber leise schluchzen vor Schmerz. „Allet guut“, sagt ihre Stimme sehr nahe - zu nahe - an meinem rechten Ohr. Mir schießt das Bild eines kleinen Putzerfisches in den Kopf, der auf einem riesigen Rochen, mir!, hängt und emsig seine Arbeit verrichtet. Ihre Kinderhände bringen ungeahnte Kräfte hervor, die sie jetzt direkt auf meinen Schulterblättern bündelt. Bewegungslos und raumeinnehmend ängstlich versuche ich den stechenden Schmerz auszuhalten. „Sie schief!“, beschimpft sie meine Wirbelsäule. Ich versuche mit aller Anstrengung zu entspannen, bis mich das Glockerl der Eingangstüre erlöst. Die Thai lässt von mir ab und ich mache den Test, ob ich meine Finger noch bewegen kann. „Hallo, Sie haben Massas? Ohne Happy End ja!?“ empfängt sie einen Kunden. Ich bin ein bisschen peinlich berührt, dass sie das dazu sagen muss, kann aber keinen weiteren Gedanken fassen, weil die kleine Frau aka. Jackie Fu*king Chan im nächsten Augenblick schon wieder auf mir hängt. „Allet guut“, flüstert sie mir wieder ins Ohr und vergräbt ihre winzigen Finger erneut in meinem Nacken. Ich möchte schreien, weiß aber nicht, wie man das machen soll, wenn einen jemand umklammert wie ein Koala einen Mammutbaum.

Nach einer gefühlten Ewigkeit werden die Berührungen einen Hauch sanfter und wechseln von schwerer Körperverletzung zu sehr grobem Körperkontakt. „So fertiig!“ Ich stehe auf, greife reflexartig meinen schmerzenden Nacken, ziehe mich an und gehe verwirrt zurück in den Chinarestaurant-Bereich. Dort wartet auch ein alter Bekannter, den ich seit Jahren nicht gesehen habe. „Steffi? Ich hätte dich fast nicht erkannt!“ Ich erinnere mich an den Polster, in dem mein gesamtes Make-Up klebt und spüre, wie meine Haare vor Massageöl triefen. „Wie geht´s dir?“ will er wissen. Ich bin nicht sicher, wo wir damals aufgehört haben. Ich denke an meinen Studienabschluss, den Ring an meinem Finger, unser Haus, meinen Job... „Sie wieder kommen ja? Mit lange schiefe Körper und schlimme Buckel!“ unterbricht die Thai, was ich nicht angefangen habe. Sie lacht. Ich nicht. „Ich muss leider“, verabschiede ich mich und schleppe meinen weich gekneteten Kadaver Richtung Ausgang. In der frischen Luft atme ich erleichtert aus. Ich muss hier unbedingt und so schnell wie möglich weg, denke ich und merke, dass ich vergessen habe zu bezahlen...


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