Blind Date wider Willen

Ich ziehe mein beschämtes Gesicht Richtung Schultern und wünsche mir, dass es bald vorbei ist und ich asap wieder Herrin all meiner Sinne bin. Dann stemme ich mich ein zweites mal gegen die Türe und spüre, wie sich höllisch grinsende Augenpaare in meinen Rücken rammen...

Aber lasst mich das heute Erlebte sortieren.

Mittwoch. 7:45. Salzburg City. Die Tageslicht-Angestellten der Rudolfskai-Lokale versuchen mit Seifenwasser die Schanden der letzten Nacht wegzuschwemmen. Die Müllabfuhr tuckert friedlich vor sich hin und sammelt den nicht-getrennten Stadtmist ein. Und ein paar wenige Bettler werden von der Morgensonne gestreichelt, während sie ihre Arbeitsplätze aufbauen. Ich tue (der miesen Parksituation wegen und meiner langen Haxn sei Dank) hastige Riesenschritte Richtung Augenärztin.

Die lichtdurchflutete Altstadt-Ordination ist großzügig und noch bevor die Sprechstundendame meine E-Card entgegennimmt, rechne ich mir mit Hilfe meiner Finger überschlagsmäßig die Miete dieses dekadenten Kleinods aus. „Gehen Sie gleich weiter zur Voruntersuchung“, werde ich in den nächsten Raum eskortiert. Dort treffe ich auf eine recht fesche Dunkelhaarige mit Akzent. „Wie lange chaben Sie schon Sähschwächä?“ Ich rechne wieder mit den Fingern. „Über zwanzig Jahre“, sage ich andächtig – selbst fassungslos über mein Alter. „Wiar machän genaue Kontrollä. Auch wegen Läsa. Bitte Linsen raus-cholen.“ Ich bin verunsichert.

„Ihre Linsän! Raus-cholen!“ wiederholt sie bestimmt. „Aber ich hab keine Brille mit. Kommt die Ärztin eh in diesen Raum? Ich seh ja nix“, steigere ich mich rein. „Alles gut, ich chälfä.“ Ich greife mir in beide Augen und hol die dünnen Sehwunder raus. „So – jetzt bitte duarch diese Gärät schauän.“ WELCHES GERÄT?! Ich zwicke die Augen zusammen. „Oh, Sie sähän SO schlächt?“ ist sie überrascht und führt mich zu Sessel, Tisch und „Gärät“. Ich starre in eine Röhre, dort blitzen Lichter auf, manchmal erahne ich Formen. „Danke färtich, bitte draußen warten“, zeigt die nun recht unscharfe Gehilfin nach links. Reflexartig in Bewegung fingere ich in meiner Tasche nach meinen Kontaktlinsen, bin dann aber unsicher, ob ich sie schon wieder reintun darf.

So taste ich mich langsam in den Warteraum, bin gefährdet mich in dieser riesigen Praxis zu verlaufen, sehe dann aber ein paar Menschen im 8-Dioptrien-Nebel. Und einen grünen Hocker, auf den ich mich sofort setze. Neben mir wartet ein attraktiver Dunkelhaariger. Mir gegenüber erkenne ich die Umrisse einer Frau in einem beigen Pulli. Weil ich eh nichts sehe, lasse ich den Blick derweil blind auf ihr liegen. „Sie dürfen jetzt zur Frau Doktor“, höre ich die Sprechstundendame. Ich stehe auf. Und eine andere Person im Raum auch. „Nein Frau Schwarz, Sie noch nicht,“ kichert sie. Witzig!!! ICH SEHE JA AUCH NICHT, WEN DU ANSCHAUST! Genervt und bloßgestellt lasse ich mich wieder auf meinen Hocker sinken. „So, die Nächste bitte“, höre ich wenig später. Ich kann die Bewegung der Dame wieder nur erahnen, den Fehler von gerade eben mache ich aber kein zweites Mal und bleibe regungslos.

„Sie dürfen schon“, wiederholt sie sich und ihr Handgefuchtel. Ich schaue mich im Raum um, ob jemand aufsteht. „Frau Schwarz?! Bitte gehen Sie jetzt in die Ordination!“ ermahnt sie mich resch vor allen anderen.

Ich murmle eine Entschuldigung, stehe hastig auf und pralle gegen die Türe von Ordination 1. Welcher Idiot montiert bitte bei einer Augenärztin Türknaufe anstatt Klinken??? Ich spüre die Blicke der anderen und stemme mich noch einmal entschieden gegen die Türe.

Drinnen empfangen mich die verschwommenen Umrisse einer blonden Ärztin. Ich klage ihr sofort mein Leid - sie empfiehlt mir eine Laserbehandlung. Dann erfragt sie noch ein paar Banalitäten, beäugt meine Linsen und verabschiedet sich dann in Ordination 2. Sowie die Klinke (oder halt der Knauf) ins Schloss fällt, hole ich meine Sehhilfe-Lieblinge aus der Tasche wie ein Junky seinen Stoff. Als die Teile zurück in den Augen sind, atme ich erleichtert – und wieder sehend – aus. Die Ärztin hat mir eine Broschüre hingelegt, auf der eine recht alte Blondine gequält- kompetent lächelt. Ich brauche ein bisserl um zu checken, dass das wohl ein Portrait von ihr in HD ist. Voll neuem, klar ersichtlichem Mut gehe ich zurück in den Warteraum.

Dort sehe ich eine alte Uni-Bekannte die mich ignoriert, weil sie bestimmt schon hergewunken hat, bei mir aber nur auf blinde Ignoranz gestoßen ist. Der einst fesche Typ neben mir ist mit etwas Schärfe ein schmächtiger Mittfünfziger mit Halbglatze. Und die Dame mir gegenüber trägt nicht beige, sondern einen Hauch von Nichts auf bronzefarbener Haut. Demnach habe ich ihr während unserer gemeinsamen Zeit minutenlang und regungslos ins üppige Dekolleté gegafft. Ich schäme mich ein bisserl und mache mir einen nötigen Folgetermin aus, bei dem ich „abgeholt werden soll, weil ich danach schlecht sehe.“ Ha. Ha.

Verlegen durchquere ich ein letztes mal den Warteraum Richtung Ausgang, sehe einen grünen Kindertisch, den ich noch vor einem kurzen Augenblick pädagogisch völlig inkorrekt zum Hocker zweckentfremdet habe und rechne heimlich mit den Fingern, wie viele Wochen es noch sind, bis die mich hier endlich lasern werden...

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