Wenn Blicke reden könnten

Manchmal schauen einen Menschen an und man weiß ganz genau, was sie gerade über einen denken. Sie beäugen und bewerten einen mit diesen ganz speziellen Blicken, sagen dann aber nix. Meistens ist mir das wurscht, in den letzten Wochen hätte ich mich aber gerne zumindest ein paar mal gerechtfertigt. Beispielsweise:


Freitagfrüh in der Arbeit. Blick des Postlers: „Wie furchtbar verheult schaut die bitte aus?!“ Wir haben seit acht Monaten eine Baustelle daheim. Erst Abriss, dann Neuaufbau. An den Wochenenden zweckentfremde ich mein Auto für Fahrten ins Altstoffsammelzentrum und seit einem Zeitl bin ich jetzt gegen Hausstaub allergisch. Heißt: Im besagten schmutzbelasteten Fahrzeug fängt meine Nase an zu rinnen und mein Gesicht (samt Tränensäcke) schwillt an, als wäre ich auf Kortison. Außerdem nehme ich ständig irgendwelche Autostopper mit, die so schlecht riechen, dass ich gezwungen bin die Fenster – auch bei seitlich einschlagendem Nieselregen – runterzukurbeln. So pisst es mir am Weg in die Arbeit direkt ins aufgedunsene Gesicht und ich kann nix dagegen tun. Ich heule also nicht auf der Fahrt hierher, sondern bin ganz einfach teils asozial, teils sozial. Und jetzt gib mir dieses Packerl!


Vor zwei Wochen. Exfreund: „Wenn sie wegfährt, muss es wohl unbedingt ein Luxusurlaub sein.“ Das teure Hotel war Plan B! Eigentlich bin ich mit meiner Influencer-Freundin (nein, das hat nix mit Grippe zu tun) in ein steirisches Kooperationshotel gefahren, in dem sie hätte arbeiten sollen und ich hätte Urlaub machen können. Leider erwies sich das Domizil als in die Jahre gekommene Rentnerabsteige, in der ungesalzener Kartoffelstampf mit Erbsenbrei serviert wurde, die Teppichböden stilistisch mit der abplattelnden Rezeption harmonierten und in der sich um 6 Uhr früh eine Mitarbeiterin ungefragt Zutritt in unser Schlafzimmer verschaffte, um uns Nierentee zu servieren. (Ernsthaft!) Nachdem wir sie verjagt haben sind wir abgereist und ich hatte noch exakt zwei Urlaubstage zu Verfügung. In denen haben wir uns dann ein Hotel gegönnt, in dem es nach dem Frühstück anstatt von Pensionistenbeckenbodentraining eben Prosecco gab. Und den haben wir uns verdient.


Samstagnachmittag. Sparmitarbeiterin nonverbal: „Alter, warum starrt die Alte Senfgurken an?“ Weil ich rechne. Ich rechne ununterbrochen, wenn ich vor Lebensmitteln stehe. Wie viele Portionen sind in einer Packung, wie viele Leute sind heute zum Essen da und wie viel Spazi schlage ich im Notfall raus. Ich starre, weil mein Gehirn so viel addiert, multipliziert und bruchrechnet, dass mich nur die kleinste Geste dazu zwingen würde, wieder von vorne anzufangen. Und jetzt lass mich bitte einfach diese verdammten Gurkerl gedanklich aufschneiden, zerkleinern und in den Wurstsalat mischen, damit ich weiß, wie viele Gläser davon ich gleich heim schleppen muss.


Sonntagnachmittag. Blick der Nachbarin: „Endlich ist sie schwanger. Mit 30 eh längst ein Risiko.“ Ich bin nicht schwanger, sondern fresse gerade einfach wie ein Drescher. Ich meine: Ich arbeite oft wie ein Mann, warum soll ich bitte essen wie ein Vogerl? Eben. Außerdem macht Hunger grantig und das führt zu einem weit größeren Risiko, als die Kinderplanung noch ein bissl rauszuzögern.


Montagmorgen. Gedanken eines Kollegen: „Boah, hat die grad lange am Klo gebraucht.“ Ich habe mich hingesetzt und bin in einen Sekundenschlaf gefallen. Weil sich die Texte hier nicht von selbst schreiben, habe ich mich aber eh gleich nach der ersten Traumphase aufgerafft, pseudomäßig die Spülung gedrückt und mir die Hände gewaschen. Hausbauen macht einfach scheißmüde. Und das passt ja irgendwie ins Klo.


Freitagnachmittag. Blick Baustellenarbeiter: „Wie hat sie bitte diesen Kuchen so hinbekommen, wenn sie nicht einmal weiß, wo sie in ihrer Küche Strom braucht?“ Hab ich nicht. Oma hat ihn gemacht, weil sie mich liebt und du kannst dich noch lange an ihn erinnern, weil du nie wieder ein Stückerl davon kriegen wirst. Ha.


Samstagvormittag. P´s Exfreundin bei Hofer: „Oha. Sie lässt sich aber gehen.“ Aber nicht mit Absicht! Dass das Hosentürl der Arbeitshose kaputt ist, habe ich erst bemerkt, als ich den schmutzigen Pullover über den sich ausdehnenden Stressranzen gezogen habe und mir eine staubige Haarsträhne ins Gesicht kippte. Und da stand ich schon mit der Zeit im Nacken und der Einkaufsliste in der Hand vorm Geschäft. Aber hey: Baut einfach auch mal. Ist lustig.


Samstagabend. Instagirly in der Segabar: „So peinlich. Die könnte meine Mutter sein.“ Sei froh, dass ich es nicht bin, sonst hätte ich dir längst diese Glitzerbommel vom Smartphone geschnitten, dir das Gesicht gewaschen und dir etwas angezogen, das deine Nieren wärmt und dich nicht fast nackt aussehen lässt. Und jetzt konzentrier dich wieder auf dein Handy, bevor ich dir im Real Life sagen muss, dass diese abfälligen Blicke irgendwann tiefe Falten machen, die dir kein Filter dieser Welt jemals wieder wegzaubern kann.


Tja. All das hab ich mir gedacht. Nix davon gesagt. Weil es eigentlich eh egal ist. Weil man eh nie “Everybody´s Darling” sein kann. Und es auch nicht sein muss. Besondere Umstände erfordern außerdem besondere Maßnahmen und ich mach zukünftig einfach die Augen zu, wenn mich bald wieder jemand wortlos disst...

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