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Vom Tierarzt, Schnee und Zähnewurdln

Neuerdings – wenn ich überfordert bin – wurdln meine Schneidezähne. Sie fühlen sich an, als würden sie gleich einschlafen. Keine Ahnung warum; vielleicht ein Selbstschutz meines Körpers, damit ich mich kurz ausschließlich auf eine einzige Sache – nämlich auf diese zwei Zähne - konzentriere…

Heute Vormittag musste ich mitm Katzl zum Tierarzt. Klingt harmlos. Wäre es auch gewesen, wäre es nicht gewesen, wie es gewesen ist. Basis unseres Samariter-Ausfluges war, dass der Zweijährige wegfahr-fein gemacht wird. Heißt: Erklären, was wir tun. Sämtliche Rückfragen beantworten. Frische Windel, Body, Strumpfhose, Sockerl, Hose und Pullover anziehen. Ihn zwischendurch immer wieder mit einem Knie am Boden fixieren, zurückziehen, auf ihn einreden und ihn einfangen. Dann der richtig zache Scheiß: Schuhe, Winterjacke, Schal und Haum. Es hat ein bissl was von Wrestling, aber irgendwann steht der kleine Mann in allen Schichten vor mir. „Mama, woam is ma scho“, bemerkt er. Ich kenn mich aus, zieh mir schnell Schuhe und Jacke an und mach die Haustüre auf. „Minki!“, fällt mir ein. „Wir haben das Katzerl vergessen!“ Ich knie mich zum Kind und sage ihm eindringlich, dass er sich jetzt nicht bewegen darf. Er nickt. Ich schlüpfe in Haus-Überschuhe (mein Mann kauft solche Sachen) und sprinte in den ersten Stock. Mir ist heiß. Wo ist dieses Viech?! Ich renne von Raum zu Raum – und finde es phlegmatisch-schnurrlnd im Büro. „Alles gut, i nimm di gschwind mit“, beschwichtige ich und schnappe das tramhapperte Tier. Das rammt erst einmal seine Krallen in meinen neuen Parka. Alpha Tauri. Man kann den Preis googeln; ich weine lautlos. Die Katze auf mir hängend stapfe ich wieder runter zur Transportbox, schiebe es unsanfter als gewollt rein und höre, wie es sofort kläglich jault. Ich schnappe meine Tasche, hebe die sperrige und viel zu große Box hoch und wuzel mich damit aus der Haustüre. In meiner Jackentasche ist irgendwo der Schlüssel… Beim Auto angekommen versuche ich die Box dann halbwegs schadenfrei zu platzieren. „Der Bua!“ fällt mir ein. Ich schrei nach ihm, höre aber nichts. Meine Nerven! Nach einer Laufrunde ums Haus finde ich ihn zufrieden und schnee-essend auf der nassen Terrasse sitzen. Hilft jetzt nix. „Bitte kommen!“ sage ich und nehme ihn an der Hand. Im Auto dann das volle Programm. Die Katze klagt jämmerlich und das Kind macht mich auf jedes einzelne Auto auf der Straße aufmerksam. „Minki, brauchst di nid fiachtn. Zum Doktor foahma“, sagt er dann und ich hab ihn einmal mehr sehr lieb. Beim Arzt angekommen – mittlerweile schneit es wieder – hole ich erst die Box aus dem Auto und stell sie dem Arzt vor die Türe. Dann den nassen Bub, der plötzlich was trinken möchte und einen Wimpernschlag später wie von Sinnen in ein Feld rennt. Der Tierarzt kommt und holt die Katze – ich das Kind. In der Praxis riecht es nach feuchten Jacken und ängstlichen Haustieren. Minki muss auf den Untersuchungstisch – mit einer Hand streichle ich sie, mit der anderen das Kind. Cristo Redentor. Ein paar Minuten später darf ich sie wieder in die Box heben. Ihre kurzen, weißen Haare picken auf meiner zerhagelten Jacke wie Semmelbrösel auf einem in Ei getränkten Schnitzel. Ist es plötzlich noch heißer hier herinnen? Gut. Finale. „Sagst du bitte noch `Pfiat di`", fordere ich meinen Jungen leise auf. Man ist nie zu klein, um freundlich zu sein. „Na!“, kontert er. „Habe d´Ehre mecht i song“, flüstert er. Ich bin überrascht, aber gut. „Gemeinsam“, legt er noch nach. „Okay. 1.2.3“, zähl ich uns ein. „Habe d´Ehre Herr Doktor“, sage ich laut und deutlich. Und allein. Der vermeintlich freundliche Bub lächelt begeistert und schweigt. Zurück beim Auto dann noch einmal alles von vorne: Türe auf, Bub rein, anschnallen, Ditti geben, Bussi, Türe zu. Dann rüber. Türe auf. Box aufheben, reinwuzeln und platzieren. Als es endlich – endlich - geschafft scheint, sehe ich, dass das Gitter-Türl der Box offen ist?! Das Katzl kauert zwischen Gaspedal und Fahrersitz. „Mama, hoam foahma bitte!" Ich schließe alle Türen und hugerl mich neben den vorderen Autoreifen. Dicke Schneeflocken landen auf meinem Gesicht - und meine Zähne wurdln.



Nachtrag: Am Ende sind alle heil heim. Es kamen keine Kinder oder Tiere zu Schaden. Nur ein paar meiner (eh recht guten) Nerven.

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